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Montagmorgen in der Papierwerkstatt:

Das Frühstück liegt gerade hinter uns. Während die Betreuten Wilhelm, Franz und Frieder noch beim Abwasch helfen – die Medizin habe ich Ihnen schon gegeben – schaue ich rasch in die Zeitung, was draußen in der Welt wohl passiert ist. Dann eile ich in die Werkstatt. Bevor die Anderen kommen - Wilhelm, Franz und Frieder sind nur Teil der Belegschaft – möchte ich die Arbeitsgänge vorbereiten. Ein Auftrag ist eingegangen, nicht so groß, 1200 Schulhefte, Lieferung übermorgen gewünscht. Das werden wir mit vereinten Kräften schaffen, aber es wird knapp. Während sich die Werkstatt mit gutgelaunten Menschen füllt (es ist Montag und war gerade der gemeinsame Wochenbeginn der Dorfgemeinschaft) schneide ich Papier und Umschläge zu, lege die Falzbretter zurecht. Eine kurze gemeinsame Werkstattbesprechung mit unseren 18 Betreuten muß reichen, der Auftrag wartet. Alle sind beglückt, daß ihre Arbeit wieder gefragt ist.

Die ersten 100 Hefte sind nach kurzer Zeit eingelegt und Frieder wartet schon an der Klammermaschine. Er ist der Einleger, derjenige der sozusagen das Tempo vorgibt und auch dafür verantwortlich ist, daß kein Blatt herausfällt. Elsie drängt ihn, bald anzufangen. Sie hat das Klammern an der Maschine gerade erst gelernt und ist hochmotiviert, ihr Wissen unter Beweis zu stellen. Charlie wartet am anderen Ende auf das Abnehmen der Hefte und stapelt sie penibel aufeinander. Keiner kann das wie er, auch der Mitarbeiter nicht. Und er weiß das.

Während die drei Tempo machen (aus dem Augenwinkel beachte ich, daß es nicht zu schnell geht, denn schnell kann es dann zum Chaos kommen) hat Matthias schon die Schneidemaschine angeworfen. Derweil ist der Großteil der Werkstatt schon am Falzen. Max (in königshafter Haltung in seinem Rollstuhl) berichtet das Neueste aus dem englischen Königshaus, während sein Gegenüber – in dem Moment nicht sehr arbeitsmotiviert – vom schönen Wochenendausflug auf die Mainau erzählt. Er wird von seinen Kollegen unsanft mit dem Hinweis auf den Eilauftrag aus den Erinnerungen gerissen. "Wenn wir nicht gute Arbeit leisten, werden wir arbeitslos, das hat der Horst schon oft gesagt! Jetzt sei endlich still!"

Also: Weiter geht es und zur Mittagszeit sind bereits 300 Hefte fertig. Matthias hat schneller gearbeitet als sonst. Seinen Zwang, manche Dinge zweimal zu tun, hat er heute dem Zeitdruck des Auftrages geopfert. Keiner – auch kein Mitarbeiter – schneidet die Hefte so genau wie Matthias. Und bei der Endkontrolle (auch an der Reaktion mancher Kunden) wird deutlich, wie froh alle sind, das Matthias seine Arbeitsleistung so qualifiziert hat.

Wir gehen in die Häuser zum Essen, einige fahren die Rollstühler in ihr Haus. Um 14.00 Uhr pünktlich geht es weiter. Ein weiterer Auftrag ist eingegangen. 2000 Hefte für eine Waldorfschule im Norden des Landes. Aber wir haben 10 Tage dafür ...

Abends beim Abendkreis schauen wir zurück auf den Tag. Wir haben 600 Hefte fertiggestellt, wir werden also pünktlich liefern. Wir singen gemeinsam ein Lied und gehen in unsere Hausgemeinschaften. Abends gibt es einen Vortrag im Saal.

Kurz noch schaue ich Hefte durch. Dann gehe auch ich in meine Hausgemeinschaft, freue mich auf meine Kinder und die anderen Hausgenossen. An solchen Tagen vergesse ich, daß meine "Mitarbeiter" Menschen mit massiven Behinderungen sind ...